St.Gallen war einst das geistige Zentrum Europas.
Zu hoch gegriffen? Nein, denn das St.Galler Kloster galt
im frühen
Mittelalter als intellektuelle Kaderschmiede des Abendlandes.
Heute ist es eine der beliebtesten Sehenswürdigkeiten
der Bodenseeregion.
In der berühmten Rokokobibliothek im UNESCO-geschützten
Stiftsbezirk wird die einstige Bedeutung greifbar. Nicht
nur damals spielte die Stadt in der europäischen Liga
ganz vorne mit. Imposante Textilfabrikantenvillen des Jugendstils
und einer der größten Bahnhöfe der Schweiz
belegen es: St.Gallen war Produktionszentrum und zugleich
Warenumschlagplatz für den Schweizer Exportschlager
Nummer eins: für „St.Galler Stickereien".
Schließt man sich an der Tourist Information am Bahnhof
einem Stadtrundgang an, erlebt man den Spaziergang durch
die verwinkelten Altstadtgassen mit ihren Erkern, Geschäften
und Restaurants, altem Fachwerk und futuristischen Plätzen
bis hin zum Stiftsbezirk wie eine Zeitreise zum Mittelpunkt
der St.Galler Geschichte.
Eine „Seelenapotheke" für St.Gallen
Keimzelle
der Stadt war der heutige Stiftsbezirk mit der Rokokobibliothek.
Er bildet mit der doppeltürmigen
Barockkathedrale ein einzigartiges Ensemble, dass 1983
als Weltkulturerbe unter den Schutz der UNESCO gestellt
wurde. „Seelenapotheke" steht in griechischen
Lettern über dem Eingang der 1755 kostbar ausgestatteten
Bibliothek. Es ist eine der schönsten der Welt.
Der prachtvoll geschwungene Raum mit seinen säulengeschmückten
Bücherschränken ist ein barockes Meisterwerk.
Wertvolle Handschriften und derzeit 170.000 Bücher
sind Zeugen der über 1.000-jährigen wechselvollen
Klostergeschichte. Vor der Erfindung des Buchdrucks wurden
im Kloster nicht nur Bücher aufbewahrt und studiert,
sondern auch geschrieben und von Hand vervielfältigt.
Um das Jahr 850 gab es bereits über 400 handgeschriebene
Folianten. Diese Fertigkeiten machten das St.Galler Kloster
im Mittelalter zur bedeutendsten „Schreibstube
Europas".
Klosterschätze für Liebhaber
Wie Heilpflanzen wirken, wussten schon die Alten. In St.Gallen
wurde dieses Wissen um Nutzen und Anbau von Kräutern
schriftlich festgehalten. Die Jahresausstellung in der
Stiftsbibliothek „Heilkräuter und Gartenanlagen
im Kloster St.Gallen" erlaubt anhand seltener botanischer
und medizinischer Schriften Einblicke in die mittelalterliche
Garten- und Kräuterkunde. Publikumsmagnet in der
Bibliothek ist derzeit die Replik eines historischen
Erd- und Himmelsglobus, der hier bis Oktober ausgestellt
ist (Original im Zürcher Landesmuseum). Der prächtige,
wohl aus Augsburg stammende „St.Galler Globus" zeigt
den astronomischen und geografischen Kenntnisstand der
damaligen Zeit und ist einer der größten noch
erhaltenen Weltkugeln des 16. Jahrhunderts.
Textile Hochburg für Modemacher
St.Galler Tuch galt über Jahrhunderte als Exportschlager.
In ganz Europa schätzte man seine Qualität. Im
19. Jahrhundert waren es Stickereien und feinste Spitzen,
die St.Gallen reich und in der ganzen Welt bekannt machten.
Im Textilmuseum sieht man neueste Stoffkreationen der St.Galler
Textilunternehmen. Zweimal im Jahr werden sie in Paris
gezeigt und inspirieren internationale Modemacher. Leinen,
handgefertigte Stickereien, alte Modekollektionen und auch
ein Kleid der Kaiserin Eugénie, der Gemahlin Napoleon
III., erzählen von der außergewöhnlichen „textilen" Geschichte
der Stadt. Auch im Stadtbild hat die Textilblüte ihre
Spuren hinterlassen. Wie man bei der öffentlichen
Themenführung „ Vom weissen Gold" erfährt,
prägen bis heute palastartige Fabriken, Museumsbauten
und Villen aber auch eine Konzerthalle im Jugendstil ganze
Stadtviertel.
St.Gallen: selbstbewusst und weltoffen
Wahrzeichen der Stadt sind auch die 111 Erker an den alten
Kaufmannshäusern. Aufwändig verziert sind sie
sichtbares Zeichen eines stolzen und weltoffenen Bürgertums.
Kontrastreiche Akzente setzen hochmoderne Bauten wie
der Pfalzkeller im Klosterbezirk, eine Wartehalle und
eine Notrufzentrale des spanischen Architekten Santiago
Calatrava. Seine skelettartig konstruierten Architekturen
sind weltweit bekannt. Mutig und innovativ ist auch die „stadtlounge" im
St.Galler Bleicheli-Quartier. Um die "bunte" Vergangenheit
lebendig zu halten, rollte die Multimedia-Künstlerin
Pippilotti Rist flächendeckend einen roten Teppich
aus Gummigranulat zwischen den Häusern aus. Zusammen
mit dem Architekten Carlos Martinez entstand so ein riesiges „Freiluftwohnzimmer".
Ausgestattet mit Leseecke und Relaxmöbeln kann man
hier unter schwebenden Leuchtkörpern die Seele baumeln
lassen.
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