Die Geschwister in den Schillerdramen Die Räuber und Maria StuartVergleichender Aufsatz über die Stellung der Geschwister, um den Teil gekürzt, der "Maria Stuart" betrifft. Keine Gewähr für grammatische Richtigkeit. (B.) Das erste erfolgreiche Drama Schillers, Die Räuber, stellt ein Brüderpaar dar, das sehr ähnlich zu dem Schwesterpaar des späteren Trauerspiels Maria Stuart aussieht. In den Räubern sehen wir einen innerlich guten Bruder, Karl Moor, der trotz seines guten Gewissens Verbrechen, Mord, und Dieberei begeht, und seinen Bruder Franz, der äußerlich und öffentlich keine Missetaten begeht, der aber heimlich versucht, seinen eigenen Vater zu töten, nur um seinen Sitz als Graf zu übernehmen. …. In beiden Fällen haben wir jedoch eine tiefere Ebene unterhalb der Handlung; das heißt, dass die Bilder dieser Geschwister gar nicht eindeutig sind, sondern eher zweiseitig und kompliziert. Erstens gibt es die Unterschiede zwischen innerlicher und äußerlicher Güte, und die Frage nach der Bestimmung des Begriffs des Guten; zweitens aber gibt es weitere Ähnlichkeiten wie die Verhältnisse der Geschwister, die Demütigung, der beide Helden unterworfen sind, und die Tugenden, männlich oder weiblich, die beide besitzen. Auf jeden Fall haben die Figuren dieser Dramen viele Gemeinsamkeiten, die weitere Besprechung verdienen. Die offenbarste Ähnlichkeit, die die beiden Paaren teilen, besteht aus ihren komplexen Gestalten, die weder gut noch böse genannt werden können. Niemand hat hier völlig recht: Karl ist zwar ein Verbrecher, aber man könnte behaupten, dass die Treue und Liebe seiner Familie und Amalien zeigen, dass er ein echt "guter" Mensch ist. Franz, auf der anderen Seite, ist äußerlich ein guter Sohn und will auch ein guter Herrscher sein, aber sein Neid auf Karl und sein dringendes Bedürfnis der Selbstwürde zwingen ihn, seinen eigenen Vater zu verraten und alles in seinem Versuch zu riskieren. Aber wer ist hier schuldig? Die Frage ist schwierig, weil Schiller uns wenige Kriterien gibt, nach denen wir die Taten seiner Helden beurteilen können. Doch haben wir einige: obwohl man nicht ganz bestimmen kann, woher das Gefühl kommt, hat man eine Idee, daß Karl an seine Taten nicht die Schuld trägt, oder dass er durch seine Güte und Treue rechtfertigt ist, besonders wenn er, am Ende des Stückes, sich der Justiz übergeben will, und zu den anderen Räubern sagt: Toren ihr! Zu ewiger Blindheit verdammt! Meinet ihr wohl gar, eine Todsünde werde das Äquivalent gegen Todsünden sein, meinet ihr, die Harmonie der Welt werde durch diesen gottlosen Mißlaut gewinnen? (Wirft ihnen seine Waffen verächtlich vor die Füße.) Er soll mich lebendig haben. Ich geh, mich selbst in die Hände der Justiz zu überliefern. (V. Akt, 2. Szene) …
Die zweiten Hälften dieser Paaren treffen aber andere Enden: Franz wird für seine Sünden mit dem Tode bestraft, und zwar durch Selbstmord, weil er es nicht fähig ist, seine eigene Taten ins Gesicht zu schauen. … Andere Ähnlichkeiten zwischen den zwei Paaren tauchen in den Verhältnissen der Geschwister zu einander auf. Die Liebe hier wirkt als das entscheidende Thema in dieser Frage. Karl Moor, als wir vom dem echt "guten" Bruder erwarten, liebt vollkommen seinen Bruder Franz. Das sehen wir schon im ersten Akt, als er den Brief von Franz bekommt, in dem dieser lügnerisch von dem Verstoßen Karls durch den Vater berichtet. Karl glaubt es seinem Bruder; er will auf ihn nicht schelten, sondern auf den Vater, als er sagt: Weg, weg von mir! Ist dein Name nicht Mensch? Hat dich das Weib nicht geboren? - Aus meinen Augen, du mit dem Menschengesicht! - Ich hab ihn so unaussprechlich geliebt! So liebte ihn kein Sohn, ich hätte tausend Leben für ihn - (Schäumend auf die Erde stampfend.) ... (I. Akt, 2. Szene)
Die anderen Figuren dieser Dramen scheinen aber nicht so wohlgesinnt gegenüber ihren Geschwistern zu stehen. Der Franz ist offensichtlich Karl gegenüber feindselig, und zwar versucht er, alles zu tun, was Karl möglicherweise schaden könnte. Er ist hier fast das Vorbild eines neidischen und vernachlässigten Sohnes, der seinen Bruder nicht als Bruder anerkennt. …. …. Zwar haben Karl und Franz nie eine echte Konfrontation, aber von den dahinter liegenden Charakteren der Figuren können wir wichtige Schlussfolgerungen herausziehen. Karl, der alles wegen der Verhandlungen seines Bruders verloren hat, scheint eigentlich nicht rachsüchtig oder sogar sehr böse auf Franz zu sein; stattdessen will er ihn erst töten, als er herausfindet, was er zu seinem eigenen Vater getan hat. Franz, der andererseits seinen Bruder hasst und niederschlagen will, sucht immer, bis aufs Ende, seinen eigenen Vorteil zu fördern. Nur, als er endlich einsieht, dass seine Taten zu nichts geführt haben, will er Selbstmord begehen, weil er seinen eigenen Fehlschlag nicht anerkennen kann. Durch die Ergebnisse dieser zwei Dramen kommen auch einige andere Ähnlichkeiten zwischen den Helden hervor. Am wichtigsten hier ist, dass beide Maria und Karl nicht in ihren richtigen Geschlechtsrollen sich verhalten. Die Maria, die zwar eine typische Frau genannt werden könnte, aufgrund ihrer verführerischen Instinkte und ihrer Koketterie, ist jedoch nicht als solche in dem Drama dargestellt. Im Gegenteil ist sie hier eigenwillig, stark, und unabhängig, was normalerweise eher als männliche Züge gesehen werden. Auch Karl, der Räuber, hat manche Merkmale, die traditionell zu der Rolle der Frau passen: er spürt eine tiefe Liebe zu Amalien, er ist seiner Familie und seinen Pflichten treu, und er zeigt leicht seine Gefühle. Elisabeth und Franz scheinen andererseits tugendhaft zu sein, sind aber in der Tat nicht, weil sie unmoralische und unsittliche Verhandlungen begehen. Die Liebe spielt in beiden dieser Dramen eine wichtige Rolle: sie ist, könnte man sagen, die Ursache für viele der Probleme in den Handlungen. Auch sind die Lieben der Figuren hier auf einer ähnlichen Weise charakterisiert: Karl wird von Amalien geliebt, …. Franz wird in Kontrast von vielen gehasst und von niemandem richtig geliebt, genau wie Elisabeth, …. In diesem Sinne und auch in anderen können die Figuren dieser Dramen als Außenseiter der Liebe gesehen werden. Die letzte und vielleicht wichtigste Ähnlichkeit zwischen den zwei Dramen liegt in ihrem Verhältnis zu den biblischen Parabeln. Die Räuber , wie viele Kritiker schon bemerkt haben, liegt sehr nah an der Parabel des verlorenen Sohnes, in dem Sinne, daß Karl als Sohn weggeht aber am Ende wieder mit dem Vater versöhnt wird. Diese Ähnlichkeiten dringen sich eigentlich noch tiefer, wenn man das Verhältnis der zwei Brüder berücksichtigt; der jüngere Sohn, wie in dem Gleichnis, ist neidisch und mißgünstig des älteren, und will seinen Teil der Erbe besitzen. … Die Unterschiede in diesen zwei Dramen sind dann unheimlich groß, aber man kann trotzdem sehen, daß sie ziemlich viele Ähnlichkeiten auch zeigen. In der Bestimmung des Begriffs des Guten zeigt sich eine problematische Frage, die wir anhand der Auskunft, die die Geschichte selbst uns gibt, lösen können. Auch in den Auslösungen der Dramen tauchen diese Ähnlichkeiten wieder auf, denn die Helden fast die gleichen Enden treffen. Beide Helden geben dann ihre Hoffnungen auf irdisches Glück auf, und begreifen am Ende, als sie angesichts ihres Todes stehen, das Wichtigste. Vollständig unter http://www.nthuleen.com/papers/MSchiller.html |
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© Christoph Bühler 2008