Die rund 50
ausgestellten Stücke zeigen nicht nur Wohnräume, sondern auch
für viele Menschen unerfüllbare Wohnträume im Kleinformat. Technische
Neuerungen und Ausstattungsmoden sind ebenfalls präsent: Moderne
Beleuchtung und Schreibmaschine, Sofaecke und Wanduhr, aber auch
der Vogel im Käfig oder das Telefon finden ihren Platz in der
Wohnung im Kleinen. Die Ausstattung der bürgerliche Wohnräume
vermittelt detailgetreu - bis zum Tintenfässchen aus Porzellan
- ganz genau Lebenssituationen vergangener Zeiten.Seit dem 16.
Jahrhundert gab es die Häuser im Kleinformat - zunächst als wertvolle
Anschauungs- und Repräsentationsobjekte für adelige Erwachsene.
Hieraus entwickelte sich für geringere Ansprüche die Puppenstube.
Als erzieherisches Spielzeug für Mädchen kamen Puppenstuben im
19. Jahrhundert in bürgerlichen Kreisen in Mode. In der Industrialisierung
wurde die Erwerbsarbeit vom Privatleben getrennt. Die bürgerliche
Kleinfamilie bildete sich heraus. Der Wohnbereich wurde zum privaten
Rückzugsbereich. Den Räumen wurden feste Funktionen zugeordnet:
das Wohnzimmer zur Repräsentation genutzt, das Schlafzimmer für
den rein privaten Bereich, die Küche zur Arbeit. Von den großbürgerlichen
Häusern mit einer Vielzahl von Zimmern, über die Etagenwohnungen
des Mittelstands bis zu den beengten Wohnverhältnissen der unteren
Schichten reicht das Spektrum des Wohnens im 19. und 20. Jahrhundert.
Die
Sammlung Ott präsentiert üppig ausgestattete Häuser und Stuben
aus dem häuslichbehaglichen Biedermeier, der prächtig-repräsentativen
Gründerzeit, die übrigens den
Schwerpunkt der Exponate auf sich
vereint, dem organisch-fließenden Jugendstil und der schlicht-modernen
Neuen Sachlichkeit der Zwanziger Jahre. Den erneuten Wandel des
Wohnens nach dem Zweiten Weltkrieg zeigen Puppenstuben aus den
1950er bis 1970er Jahren aus einer weiteren Sammlung.
An großen,
mehrräumigen Puppenstuben der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
wird deutlich, wie sich das Bürgertum jener Zeit definierte. Protzig
ausstaffierte Salons warten mit raffinierten Details auf. Hier
frönte man nicht der Gemütlichkeit, sondern ein prachtvoller Rahmen
für das gesellschaftliche Leben wurde gespiegelt. In anderen Wohnräumen
war man wesentlich privater, die häusliche Idylle wurde betont.
Auch das wesentlich einfachere Leben nach 1945 war der Nachbildung
wert: die Wohnküche der Nachkriegszeit, der Einzug bunten Kunststoffs,
voluminöser Polstermöbel und des Fernsehers. Bis in das 19. Jahrhundert
wurden Puppenhäuser in aufwendiger Arbeit von Handwerkern hergestellt.
Aus diesen Anfängen entwickelte sich eine ab Mitte des 19. Jahrhunderts
wachsende Spielzeugindustrie, die die kleineren Stuben nach und
nach auch für den schmalen Geldbeutel erschwinglich machte. Noch
gegen Ende des Jahrhunderts konnten sich z. B. lediglich 20% der
Bevölkerung dieses aufwendige Spielzeug leisten. In den Zentren
der Herstellung arbeiteten oft Familien in Heimarbeit an der Fertigung
der Stuben, um ihr Existenzminimum zu sichern. Die Schattenseite
dieser Spielzeugherstellung wird durch die Tatsache verdeutlicht,
daß bereits 6jährige Kinder zu Hause oder in Fabriken an der Produktion
beteiligt waren. Der Anteil der Kinderarbeit am Arbeitsvolumen
betrug immerhin 10-12%. Neben dem Katalogsortiment der spezialisierten
Firmen mit Massenware gab es aber auch weiterhin Sonderanfertigungen.
Immer wieder wurden die gekauften Stücke auch durch Teile ergänzt,
die von Eltern, Großeltern oder Paten selbst gefertigt wurden.
In
der Schau gibt es auch typisches Jungenspielzeug, wie z. B. ein
Lazarett aus dem Ersten Weltkrieg. Diese Art "Spielzeug" ist dem
seit dem 19. Jahrhundert produzierten Kriegsspielzeug wie Schießgewehr
und Zinnsoldaten zuzuordnen. Puppenstubenpuppen wie die elegante
Hausfrau, deren Ehemann in Uniform, die Kinder und das Dienstmädchen
in Schürze und Häubchen bevölkern die Stubenminiaturen und geben
Auskunft über die Rollenmodelle in bürgerlichen Familien des 19.
Jahrhunderts. Ein kulturwissenschaftlicher Vortrag über "Die Welt
der Großen im Kleinen", ein Gang mit der Leihgeberin Gerda Ott
durch die Ausstellung und ein ausführliches Führungsprogramm für
Kinder und Erwachsene begleiten die Ausstellung